Sturmwelten 01 by Christoph Hardebusch

Sturmwelten 01 by Christoph Hardebusch

Author:Christoph Hardebusch [Hardebusch, Christoph]
Language: deu
Format: epub
Publisher: PeP eBook
Published: 2010-04-03T22:00:00+00:00


SINAO

Durch die Aufzeichnungen zu blättern und die langen Zahlenkolonnen zu sehen ließ ein vertrautes Gefühl in Sinao aufsteigen. Alle Einträge waren von ihrer Hand geschrieben, jegliche Veränderung der Lagerbestände hatte sie genau festgehalten. Sie suchte nicht nach Fehlern; sie wusste, dass es keine gab. Die eng geschriebenen Zahlenreihen zogen an ihr vorbei, Seite um Seite, und sie musste kaum mehr als ein, zwei Momente auf ein Blatt schauen, um sie zu erfassen, zusammenzuzählen.

Auf die Zahlen konnte sie sich verlassen. Ihre Ordnung und Schönheit gaben ihr Sicherheit und verliehen ihr Macht.

Ihr gegenüber saß Tangye, der unruhig mit den Fingern auf die Tischplatte klopfte.

»Und?«, fragte er schließlich.

Bedächtig legte die junge Sklavin den Stapel Papier auf den Tisch und sah den Aufseher an. Sie hatte gesehen, wie er Menschen mit seiner Knute zu Tode prügelte, hatte zu oft dabeigestanden, während er Sklaven aufknüpfte. Doch jetzt jagte er ihr keine Furcht ein; er sah müde aus, mit bleicher Haut und dunklen Ringen unter den Augen. Selbst von ihrem Platz aus konnte sie den säuerlichen Geruch seines Schweißes riechen, die Überreste von Rum und Bier, die aus ihm ausdünsteten und wie böse Geister durch den Raum schwebten. Sie fühlte sich schmutzig, allein durch die Nähe zu ihm, zu seinem Geruch, doch nicht ängstlich. Seine Augen fixierten sie, und Sinao senkte den Blick, damit er die Verachtung in ihren Augen nicht erkennen konnte.

»Die Aufzeichnungen sind korrekt. Ich konnte keinen Fehler finden.«

Stille breitete sich aus, während Tangye sich das unrasierte Kinn rieb. Es war angenehm kühl in dem großen Raum, obwohl eines der Fenster geöffnet war und die heiße Luft des Tages einließ. Die Brandung toste gegen die Klippen unterhalb des Forts, und Sinao erhaschte einen Blick durch das Fenster auf das Lager, das um diese Zeit beinahe komplett verlassen sein würde. Aus der Entfernung sah es fast wie ein einfaches Dorf der Paranao aus: Das Sonnenlicht ließ das Braun weniger schmutzig, die Hütten weniger armselig wirken.

»Du bist ganz sicher, Sin?«, unterbrach Tangye ihre Gedanken.

»Ja.«

»Gut.« Er seufzte und erhob sich schwerfällig aus seinem Stuhl. »Geh zurück an deine Arbeit. Ach, noch etwas: Bald werden Schiffe einlaufen. Die werden Vorräte brauchen. Bereite alles vor.«

»Schiffe, Herr? Wie viele?«

»Drei.«

Sein Tonfall machte deutlich, dass er mit ihr fertig war. Ohne zu antworten, verließ Sinao sein Zimmer. Dass Tangye vorab von Schiffen wusste, geschah nicht häufig, und drei auf einmal hatte Sinao noch nie erlebt. In Gedanken versunken kehrte sie in die Küche zurück. Es war ungewöhnlich, mitten während der Arbeitszeit zu Tangye gerufen zu werden, und natürlich hatte sie sich gesorgt. In den Geschichten der Sklaven nahmen Tangyes Fähigkeiten inzwischen mystische Ausmaße an: sein Wissen um jeden Sklaven, seine Nase für Lug und Betrug, sein lautloser Schritt und die unheimliche Begabung, stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, um einen Sklaven bei einem Fehler oder einer Missetat zu überraschen.

Doch Sinao blickte hinter die Geschichten, die Legenden und die Angst, und dort sah sie nur eine älter werdende Blassnase, die grausam und brutal war, einen Mann, der zu viel trank



Download



Copyright Disclaimer:
This site does not store any files on its server. We only index and link to content provided by other sites. Please contact the content providers to delete copyright contents if any and email us, we'll remove relevant links or contents immediately.